Die Hohe Straße
zwischen Kocher und Jagst

Ein jahrtausendealter Überlandweg

Von Emil Kost

Mit freundlicher Genehmigung (2007) des Historischen Vereins für Württembergisch Franken, Schwäbisch Hall,
entnommen aus:
Württembergisch Franken, Neue Folge 22/23 - Erster Teil
Jubiläumsjahrbuch des Historischen Vereins für Württembergisch Franken 1947/48, Seite 47-61
zur Internetseite des Historischen Vereins für Württembergisch Franken
Digitalisiert und mit Zwischenüberschriften versehen von Leo Michels (2007).
Abbildungen 1 bis 19: Dr. Emil Kost
Abbildung 20: Landesbildstelle Württemberg

Sonnüberglänzt und von Stürmen überweht liegt diese flüssedurchströmte Landschaft an der Grenze von Württembergisch und Badisch Franken, im Sprachgrenzgebiet des Ostfränkischen und des Rheinfränkischen, im deutschen Süden. Wer mit dem roten Milan, dem "Gabelweih", hoch über die Windungen der Flußtäler, ihre Felsränder und die Höhenwellen sich erheben und in freier Schau darüber schweben könnte, der würde da unten ein reizvolles Geländespiel zweier Flußläufe erblicken. Da treiben zwei schmale Schwesterflüsse, Kocher und Jagst, wie Zwillinge an denselben Lebensrhythmus gebunden, ein neckhaftes Spiel miteinander, bald sich in Ausbiegung fliehend, bald einander sich nähernd, als könnten sie sich nicht lassen, und beide unter demselben Längengrade ihre südnördliche Richtung in die ostwestliche gegen den von fernher winkenden Neckar unerwartet umbiegend (Karte Abb. 1). Mit ihm vereint führen sie dann ihre Wasser gemeinsam, dem Rheine zu.

Übersichtskarte Rhein bis Oberpfalz

Abb.1


Karte Kocher-Jagst-Gebiet

Abb.2


Siedlungsstruktur

Künzelsau und Kocher-Jagst-Höhe

Abb.3: Blick vom Lindle über Künzelsau nach Norden über das Kochertal mit dem Wüwa-Flachswerk (Gelände einer ur- und frühkeltischen Talsiedlung) auf Nagelsberg. Am Horizont die Wasserscheide der Kocher- Jagsthöhe mit der Hohen Straße.

Beide dem schwäbischen Jura entspringende Flüsse haben sich ihr Bett tief eingegraben und haben mühsam dem harten Kalkgestein ihren Weg abgerungen. Im Wechsel steigt einmal das eine, dann wieder das andere Ufer jedes dieser Flüsse als Wand empor, bald steil und felsig, bald waldig grün an feuchtkühler Talwand, und bei beiden Tälern ist das schattige linke Ufer meist schroffer, winterlicher und bewaldeter als das sonnenbeschienene rechte mit seinen lieblichen Weinhügeln (Karte Abb. 2). In den Talauen, wo sich die blausilbernen Bänder des Kochers und der Jagst hinwinden, reihen sich an ihnen seit tausend und mehr Jahren die Talsiedlungen alamannisch-fränkischer Landnahmezeit. Gleich Perlen an einer Halsschnur, wie sie aus den Reihengräbern von Kocherstetten, von Ingelfingen-Criesbach, Niedernhall, Ödheim und Kochendorf und von Krautheim an der Jagst gehoben worden sind, reihen sich diese Talsiedlungsorte ihren Flußläufen entlang bis zu deren Einmündung in den Neckar bei Wimpfen auf. Sie umsäumen ein Höhengebiet mit Feld und Wald, dem nur selten einzelne Höfe oder gar Dorfsiedlungen eingelagert sind und das heute fast weltabgeschieden und nur von einzelnen Querverbindungssträßchen zwischen Kocher und Jagst durchzogen mit Äckern, Weiden und Wäldern fleißige fränkische Bauern ernährt.

Fränkische Siedlungsnamen

Grabhügel bei Jagstfeld

Abb.4: Grabhügel im Kocherwald bei Jagstfeld gegenüber Wimpfen am Neckar im Einmündungsgebiet des Kochers und der Jagst am Aufgang der Hohen Straße. Das Hügelgrab gehört einer großen Grabhügelgruppe urkeltischer Zeit an.

Während die lockenden Talauen schon bei der Landnahmezeit die alamannischen und bald nach ihnen die fränkischen Bauern zum Siedeln einluden, ist das Höhengebiet zwischen den beiden Flüssen von ihrer Ostwestwendung an im wesentlichen in deutscher Zeit erstmals durch spätmerowingischen und besonders karolingerzeitlichen grundherrschaftlichen Bauerneinsatz stärker bewirtschaftet und besiedelt worden. Davon berichten die Weileranlagen mit ihren Namenendungen auf -hausen, -hofen und -weiler. Der älteste -hausen-Ort, Jagsthausen, war noch im Tale der Jagst angelegt an der Stelle der zerstörten römischen Siedlung (Karte Abb. 2). Er hieß in frühdeutscher Zeit nur Hausen, während die späteren -hausen-Orte der Umgebung und des Höhengebiets alle einen Zunamen als Bestimmungswort bei sich tragen: Westernhausen, Amrichshausen, Hermuthausen, Harthausen, Herterichshausen, Rückertshausen, Lampoldshausen. Harthausen, von dem das große Waldgebiet seinen Namen hat, ist längst abgegangen; 1320 ist es als villula Hartshausen dioecesis Herbipolensis (Würzburg) genannt. Daß von den Grundherren der nachkarolingischen Zeit auch kriegsgefangene Slawen in diesem ostfränkischen Siedlungsraum zur Rodung und Bewirtschaftung eingesetzt worden sind, zeigt der Name des Wendischen Hofes auf der Hochfläche, und auf vereinzelte Niederlassung anderen, vielleicht örtlich noch älteren Fremdvolks (Keltenreste?) weist die abgegangene Siedlung Walchenstal (1357 urkundlich so genannt) beim Wallenstein nahe der Wasserscheide und die dabei liegende Flur "Welscher Hase".

Rodungsnamen

Straßenanfang bei Jagstfeld

Abb.5: Der flach beginnende Aufgang der Hohen Straße im Kocher-Jagst-Mündungsgebiet. Links und rechts angebaute Felder und Obstgärten, mit vorgeschichtlichen Siedlungsspuren.

Zahlreiche Rode-, Flur- und Ortsnamen weisen auf eine starke Verwaldung des Höhenrückens zwischen Kocher und Jagst in frühdeutscher Zeit: Eisenhutsrot, Hohenrot, Rotholz (südlich Eschenhof), Greut, Brand, Osang (von Absengen des Wildwuchses), Hart (Weidewald). Der große, 20 qkm umfassende Harthäuser Wald (Karte Abb. 2) ist heute noch Zeuge tausendjähriger Verwaldung, die nach der Römerzeit sogar im vorher besiedelt gewesenen fruchtbaren Westteil des Kocher-Jagst-Rückens eintrat. Dort hat das Gebiet des Harthäuser Waldes vordem noch römische Siedlungen auf gutem Lehmboden aufzuweisen. Dieser Harthäuser Wald war schon seit einem Jahrtausend meist Laubwald, wie deutsche Flurnamen zeigen; so hieß der dortige Ort Hagenbach früher Hagenbuch, und auf seiner Markung findet sich der Name "Waldäcker". Östlich dieses Waldes überquerte der Römische Grenzwall (siehe Karte Abb. 2) den Höhenrücken und ließ zur Römerzeit vor sich das nach Osten langgestreckte Hochflächengebiet unangebaut und der Verödung preisgegeben liegen. Dort im Limesvorland ist offenbar aus Sicherheitsgründen nach römischem Brauch Ansiedlung eingeborener Bevölkerung nicht geduldet worden. Es mußte im Mittelalter mühsam von deutschen Siedlern neu gerodet werden. Dies erweisen Flurnamen wie Siedlungsnamen zum Beispiel westlich Crispenhofen wie Rodachsfeld und Rodachshof, Orbes (aus Urbeiß, Urmeiß = Rodung im Urwald), Masenäcker (aus Meißenäcker) und Holzäcker beim Bühlhof. Auch am Nordrand des Harthäuser Waldes gibt es einen Hof Maisenhälden (Meiß), ein Brandhölzle, eine Flur Hohenrot und ein Straßenschlägle. Die daran vorbeilaufende Straße heißt im Volksmund "Hohe Straße" oder "Kaiserstraße". Ihr entlang entstammen die genannten Rodungsnamen wie die nachfolgenden: Katzenschlag östlich Neusaß, Straßenschlag, Rotholz, Stock, Ottenschlag südlich des Weilers Hohenrot und Rotberg drüben über der Jagst in der Fortsetzung dieser Hochstraße.

Überlieferungen und Sagen

Zwischen Hagenbach und Heuchlingen

Abb.6: Die hier zum Feldweg vergraste Hochstraße beim Aufstieg, als Markungsgrenze zwischen Hagenbach und Heuchlingen. Im Hintergrund zieht der Weg weiter hoch als Markungsgrenze Untergriesheim (Jagst) links und Willenbach-Ödheim (Kocher) rechts.

Geleits- und Zollrechte auf dieser "Kaiserstraße" oder "Hohen Straße" werden in Schriftquellen noch bis in das 18. Jahrhundert genannt. Auch im Volksmund weiß man von dieser Kaiserstraße zu berichten: Bei Heimhausen, wo diese Straße nach Rothenburg laufend die Kocher-Jagst-Höhe herabsteigt und die Jagst überschreitet, soll ein Kaiser auf ihr gezogen und im Ort im Haus des Heigold eingekehrt sein. Sagen lassen auf dieser Straße die Kreuzfahrer ins Morgenland ziehen, die Flur "Wallenstein" (von einer abgegangenen Welschensiedlung) wird als Wallerstein, als Wallfahrerstein vom Volk verstanden, "Gesindel" von dieser Straße soll sich im nahen Sindeldorf angesiedelt haben (Volkserklärung des Ortsnamens Sindeldorf, 1239 Siunneldorf, wohl vom altdeutschen Personennamen Sunnilo), ein alter Mönch spukt bei Diebach, ein schwarzer oder feuriger Mann begleitet die Dahinziehenden an der Kreuzung Sindeldorf-Diebach, das Wilde Heer braust dahin beim Muthof, im Harthäuser Wald geht in der Nähe dieser Hochstraße der Schimmelreiter um im Donnerwald, auf der Strecke zum Jägerhaus in Ernstein spukt der Reiter ohne Kopf und wieder in der Nähe des Wachhäusles. Der "köpfte Reiter" geht auch im Oststeil der Straße auf dem Höhenrücken bei Hermuthausen um; er habe sich dort dem Fällen einer Eiche durch einen Bauern mit allen Mitteln widersetzt (die Geister der Natur schützen ihr Land vor der Bewirtschaftung!). Zahlreiche weitere Sagen spielen in Orten, Wäldern und Gründen des weiteren Umkreises der Hohen Straße. Noch behaupten die Bauern, daß auf dem Ginsberg westlich Wendel zum Stein die letzte große Heidenschlacht gegen die "Hunnen" (Ungarn) geschlagen worden sei. Von deren geschichtlichem Durchzug sind ja die damaligen Zerstörungen von Rothenburg und von Wimpfen am Neckar Zeuge im Jahre 955. Im "Hühnerholz", einer Volksumdeutung des Namens Hünenholz oder Hunnenholz, beim Wendischen Hof nahe der Hochstraße liegen in den dortigen Hügelgräbern (urkeltisch) und ebenso in solchen Gräbern bei Weldingsfelden (südlich St. Wendel zum Stein) nach dem örtlichen Volksglauben solche "Hunnen" begraben. Kleine Hufeisen, vom Landvolk "Hunneneisele" genannt, finden sich in jener Gegend und auch sonst des öfteren im Bereich der Hohen Straße.

Straßenbezüge in Flurnamen

Grenzstein Württemberg-Baden

Abb.7: Ein Landesgrenzstein an der Hochstraße mit dem württembergischen Wappen und KW = Königreich Württemberg. Auf der Rückseite des Steins ist das badische Wappen mit GB = Großherzogtum Baden eingehauen.

In anderer Form berichtet die Überlieferung der einheimischen Bauern durch die von Mund zu Mund weitergegebenen und erst dann schriftlich festgelegten Flurnamen vom Dasein einer alten Überlandstraße auf dem Kocher-Jagst-Rücken. Auf seinem Westteil am Beginn des Harthäuser Waldes heißt ein Waldstrich unmittelbar an der Kaiserstraße "An der Hohen Straße", im Harthäuser Wald wird ihre Fortsetzung "Hochsträßle" genannt, dann folgt westlich der Wüstung Zweiflingen das "Straßenschlägle" und weiterhin der "Straßenschlag" und 8 km ostwärts nochmals dieser Name, ferner nördlich Crispenhofen die an die Straße grenzenden "Straßenäcker" und weiterhin zweimal die Ackerflur "Straßen"; auch nach dem Abstieg der Hochstraße zur Jagst nach Heimhausen und Wiederaufstieg gegen Osten wieder auf der Höhe kommt die Flur "Straße" an ihrer Fortsetzung vor und anschließend der Flurname "Leisen" von den Fahrgeleisen mittelalterlicher Wagen (Abb. 19). An manchen Stellen weist die Hochstraße dem geübten Auge noch alte Fahrspuren auf 12 m Breite auf und Böschungen nebenan im Wald. Tatsächlich sollte nach dem Schwabenspiegel (um 1275) eine "Königstraße" 16 Schuh weit sein, so daß ein Wagen dem ändern ausweichen könnte. "Königstraße" ist in der fränkischen und nachfolgenden Kaiserzeit der mittelalterliche Name für Heerstraßen unter Verfügungsrecht des deutschen Königs. Nachdem jeder deutsche König dann den Kaisertitel führte, ist vom 15. Jahrhundert ab urkundlich der Name "Kaiserstraße" für diese Reichsstraßen belegbar.

Querverbindungen

Markungsgrenze Herbolzheim - Ödheim

Abb.8: Die Hohe Straße als Landesgrenze Württemberg-Baden und zugleich als Markungsgrenze Herbolzheim (badisch) links und Ödheim (württembergisch) rechts.

Eine dem Zug nach alte Querverbindung unserer Hochstraße trägt heute zufällig den Namen "Königsträßle" ohne Beziehung zu einer mittelalterlichen Königsstraße, weil dieser alte Querweg von Hohebach an der Jagst über Belsenberg nach Künzelsau am Kocher durch den württembergischen König Friedrich zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Verkehrsstraße ausgebaut worden ist. Solche Kreuzverbindungen laufen mehrere aus den schon vorgeschichtlich stark belegten Kocher- und Jagstorten über die Hochstraße des zwischenliegenden Höhenrückens. Sie verbinden auch seitlich der Hauptstraße liegende Ortschaften quer über die Hochstraße miteinander oder schließen sie an die Hochstraße an. Der alte deutsche Name für solche Seitenwege ist Diotweg. Ein solcher ist erstmals genannt in der Markbeschreibung von Würzburg im Jahre 779. Nachdem das Wort im urkundlichen Gebrauch seit dem 13. Jahrhundert abkam, wurde es vom Volk nicht mehr verstanden, zu "Diebsweg" und vielleicht auch zu "Judenweg" (diutweg) verunstaltet. Vielleicht ist das Dorf Diebach, 1327 noch Tytebach geschrieben, nahe unserer Hochstraße ein solches Diotbach, das Diebsteigle bei Lampoldshausen ein Diotsteigle, und die Judenwege solche diutwege, Volkswege. Ein derartiger "Judenweg" führt im römisch gewesenen Teil des Höhenrückens von dem dortigen Hochstraßenzug ab (siehe Karte Abb. 2, mit Querstrichen eingezeichnete Weglinie) über den Waldteil "Gassengrund" nach Olnhausen und Jagsthausen hinunter, sicherlich schon als Weg von den Römern zur Verbindung ihrer Kastelle Wimpfen und Jagsthausen über die Hochstraße benützt. Ein anderer "Judenweg" (vielleicht tatsächlich nach Judenbegehung in der Zeit der Judenzölle der Talorte so geheißen), läuft vom Kochertal bei Nagelsberg-Ingelfingen, wo im Talgrund eine ausgedehnte ur- und frühkeltische Siedlung festgestellt ist (Abb. 3), an der Deubachmündung hoch, an "Diebsäckern" (Dietwegsäcker?) vorbei und über der Diebachmündung weiter die Hochstraße überquerend ins Jagsttal hinüber über den altdeutsch wohl bedeutsamen Ort Altdorf (um 1100 Alechdorf, Dorf beim Alah, vorchristliche heilige Stätte!).

Entlang der Wasserscheide

flach geackerter Grabhügel

Abb.9: Blick vom Ackergelände nahe der Hochstraße aus bei der Wüstung Zweiflingen (s. Abb. 10) gegen das Kochertal, mit flach geackertem Grabhügel im rechten Mittelgrund (an der Grenze des hellen Ackers mit dem dunklen Feld). Aus einem dort eingeebneten Grabhügel von 30 m Breite wurden vor Jahren eine Pfeilspitze und ein Messerchen aus Hornstein (späte Jungsteinzeit) und die Beigaben einer urkeltischen Bestattung, 6 Bronzeringe, 2 Bronzenadeln und 2 Gagatperlen geborgen (Heimatmuseum Öhringen).

Unbekümmert um diese Querwege und ebenso unbekümmert um die wenigen auf der Hochfläche heute vorhandenen kleinen Ortschaften und Höfe zieht die Hochstraße ihre Bahn längs des Höhenrückens zwischen den beiden tiefeingeschnittenen Flüssen Kocher und Jagst, mit Abschneidung und Vermeidung dieser teilweise engen Täler und verkehrsungünstigen Krümmungen. Es ist zu erweisen, daß sie längst vor allen diesen deutschen Siedlungen da war, und so ist es verständlich, daß sie keine einzige dieser Ortschaften berührt und alle abseits liegen! Fast durchweg ist diese Höhenstraße Wasserscheideweg, und der Fernzug ist ihrer Führung auf der Karte ohne weiteres anzusehen (Karte Abb. 1). Nur Naturhindernissen weicht sie, in leichtem Bogen, aus, so einigen vom Kocher her im Westteil des Höhenzuges eingreifenden Schluchten oder einigen von der Jagst her nach Süden einschneidenden Bachklingen. Andererseits benutzt dieser Überlandweg die in seiner Hauptrichtung liegenden Geländeeinschnitte bei der Überquerung des Jagsttales beiderseits Heimhausen zum unmittelbaren Auf- und Abstieg (Abb. 18 und 19). Auf seinem Zug von 50 km Länge zwischen Heimhausen und Wimpfen auf der Kocher-Jagst-Höhe wird nicht ein einziger Bach von diesem Fernweg überquert! Von seinem Lauf auf dem Höhenkamm künden schon die an ihm liegenden Fluren mit ihren Namen. Nach flachem Anstieg im fruchtbaren Lehmgefilde mit Acker- und Obstbau bei Wimpfen von Jagstfeld aus in einer Tiefenlage von nur 160 m über Meereshöhe, ganz nahe an einer Gruppe von ehemals 60 urkeltischen Grabhügeln vorbei (Abb. 4) steigt der ursprünglich als gebahnte Straße gut erkennbare Weg (Abb. 5) an alter Einhegung der Flur "Hecke" vorbei in gestrecktem Zug, zum Teil hier schon stark vergrast (Abb. 6) aufwärts über die aussichtsreiche Heuchlinger Spitz (207 m hoch) und den Eichbuckel (225 m) zum Hohenholz (262 m), an Kreßbach vorbei, mit umfassendem Blick auf beiden Seiten. Dort oben benützt die württembergisch-badische Landesgrenze den Höhenweg zur Abgrenzung zweier Länder (Abb. 7 und 8).

[1] "Zu gedachter sich an diesem Bühlhof vorbeiziehenden hohen Straßen, die meistenteils und sonderlich in selbiger Gegend annoch gepflastert ist, kommt man von Haimhausen (allwo eine Brücke über die Jagst dermalen gehet) durch eine ebenfalls gepflasterte hohe Steige auf Hermuthausen, und glauben die Leute von dieser gepflasterten Straße und Steige, daß, weilen die Steine darzu, mit vieler Mühe und Kosten, anderswoher haben herbey geführet werden müssen, solche seyen in alten Zeiten, eben wie erstgedachte alte Mauer, von einem heidnischen Kaiser gemacht worden. Man beobachtet auch bey diesem Bühlhof und gedachter hohen Straße noch mehr als 30 dergleichen tumulos oder Hügel, von denen aber viele schon von denen Hafnern verstöret worden, ohne darauf Achtung zu geben, was ihren dabey vom inwendigen sonderliches vorgekommen, weil sie die Erde von solchen Hügeln vor weit tüchtiger zu ihrem Geschirr, als andere Erden, in selbiger Gegend, halten."

Christian Ernst Hansselmann, Beweis wie weit der Römer Macht in die Hohenlohische Lande . . . eingedrungen. Schwäbisch Hall 1768, Seite 97.

Im großen Harthäuser Wald geht der einfache Weg weiter, an dem früheren Sitz ritterlicher Dienstmannen Ernstein vorbei, wohl einer alten Zoll- und Geleitstelle, zum ehemaligen "Wachhäusle" (324 m), am Waldteil "Tränkstube" durch über Seehaus und Waldteil "Straßenschlägle" an der Wüstung Zweiflingen vorbei (307 m; Abb. 10), mit Grabhügeln südlich der Straße im freien Feld (Abb. 9) in leichter Senkung über die nur 1½ km breite engste Stelle des Bergrückens zwischen Kocher und Jagst (289 m hoch) wieder aufwärts, vom römischen Grenzwall (mit Wachtturm an der Straße) überquert immer der Wasserscheide zustrebend über den Neuhof (348 m) und Waldteil "Straßenschlag" nördlich und südlich von urkeltischen Hügelgräbern begleitet, als Waldweg zur aussichtsreichen hochgelegenen Kreuzung (mit der Querverbindung der Straße Forchtenberg und Weißbach der Kocherseite [Salzquell] nach Westernhausen auf der Jagstseite), in annähernd 400 m Höhe. Weiter zieht den Hochrücken frei entlang der Weg als Feldweg, mit eindrucksvoller beiderseitiger Fernsicht an den "Straßenäckern" hin an der abgegangenen Welschensiedlung "Walchenstein" vorbei zu einer Dreimarkungsgrenze vor der Straßenkreuzung Ingelfingen-Altdorf (Alahdorf!) und Marlach, nördlich Diebach (Abb. 11) weiter über Flur "Straßen" (Abb. 12) durch den heutigen Eichen- und Föhrenhain der vom Landvolk mit eingefügtem Marienbild kultisch verehrten "Hohlen Eiche" (Abb. 13 und 14) zum "Hochholz" südlich des Bühlhofs westwärts (Abb. 15 und 16). Weiterhin ist wieder beim "Kirchberger Wald" und bei der nächsten Straßenkreuzung die Straße von ganzen Grabhügelgruppen umsäumt. Nördlich der alten Zollstätte und mittelalterlichen hohenloheschen Geleitstation Hermuthausen (Karte Abb. 2) in rund 430 m Höhe zieht die hier baumbesetzte und heute ausgebaute Hochstraße weiter (Abb. 17), um durch einen Geländeeinschnitt nach Heimhausen ins Jagsttal auf 274 m abzusteigen (Abb. 18 und 19 und Anmerkung [1]) und sofort auf der Ostseite des Tales die Höhe wieder zu erklimmen, über Flur "Straße" und "Leisen" auf etwa 450 m Höhe gegen Simprechtshausen (Abb. 19).

Fernziele im Osten und Westen

bei der Wüstung Zweiflingen

Abb.10: Der Zug der Hochstraße bei der Wüstung Zweiflingen (im Walde rechts) als Feldweg, mit Fortsetzung gegen Westen am Waldsaum im Hintergrund.

Im weiteren Zuge nach Osten wird dann eine andere, nordsüdlich über Mergentheim-Crailsheim laufende "Kaiserstraße" 10 km östlich der Jagst überkreuzt. Unsere Hochstraße selbst aber läßt sich nach Osten, dem hochgetürmten Rothenburg über der Tauber zu, weiter verfolgen. Von dort weist ihr Zug in die Fernrichtung Nürnberg-Oberpfalz-Böhmen einerseits und Pegnitz-Hof-Thüringen andererseits (Karte Abb. 1). Eine Abzweigung unserer Hochstraße noch im Osten der Kocher- und Jagstlandschaft selbst bei Hermuthausen gegen Südosten folgt auch weiterhin dem Hochrücken zwischen den beiden Flüssen Jagst und Kocher und führt zum alten Salzort Kirchberg an der Jagst (Karte Abb. 2, gestrichelte Linie) mit den mehreren hundert Grabhügeln seiner Umgebung. Im Westteil des Kocher-Jagst-Rückens, in Wimpfen am Neckar (Abb. 20) vereinigt sich unsere Hochstraße mit dem alten, ihr ein Stück weit südlich gleichlaufenden Donau-Rhein-Überlandweg (südliche "Nibelungenstraße"), um mit diesem dann gemeinsam das rheinische Fernziel zu erreichen. Daß die Hochstraße im Mittelalter Kaiserstraße war, bezeugt schon ihr Name und die bekannten Geleitstationen und urkundlichen Geleitsnachrichten; durch eine über Schöntal auf der Kocher-Jagst-Höhe in Straßennähe in Neusaß eingerichtete Wallfahrt reichen diese Nachrichten vom Geleitsverkehr auf der Kaiserstraße bis in das 18. Jahrhundert.

Markungsgrenzen

Dreimarkungsgrenze Eberstal-Sindeldorf-Diebach

Abb.11: Der Urweg „Hohe Straße" an der Dreimarkungsgrenze Eberstal-Sindeldorf-Diebach, gegen Westen.

Aber wie steht es mit dem Fernweg in früheren, vormittelalterlichen Zeiten? Unsere Straße muß schon vor den ältesten deutschen Siedlungen des Hochrückens dagewesen sein, da sie für diese vielfach Markungsgrenze ist! Diese Siedlungen aber lassen sich durch ihre Namensform auf frühestens karolingische Zeit festlegen. Vom Kochertal einerseits und vom Jagsttal andererseits greifen die Markungen der ältesten deutschen Talsiedlungen des 6. und 7. Jahrhunderts (reihengräberzeitliche Belege) auf die Höhen herauf und stoßen fast durchweg an der Hochstraße aneinander. Bezeichnend ist dabei die Feststellung, daß die Straße in früherer Zeit vielfach doppelte bis dreifache Breite hatte. So läßt sich bei Stachenhausen feststellen, daß die zu Kulturland oder Wald gemachten Straßenstreifen als besondere Parzellen laufen und oft nicht den gleichen Besitzer haben wie die angrenzenden Parzellen! Nach dem Rückgang des mittelalterlichen Verkehrs auf der Hochstraße mögen dort die Bauern so manches Mal versucht haben, Teile der Naturstraße zu überackern und Marksteine zu entfernen oder zu versetzen. Im Volksgewissen mögen sich solche Versuche im Aberglauben ausgewirkt haben, wenn etwa nach dem Glauben der Einheimischen auf der Donnersteige am Wallenstein, jener abgegangenen Siedlung an der Hochstraße, vier Männer mit feurigen Hacken im Kampfe zusammentreffen. Solche Marksteinversetzer müssen ja vielfach mit feuriger Hacke, dem Werkzeug ihrer Schuldtat, umgehen. Durch die Tatsache, daß weithin die Markungen der frühen deutschen Kocher- und Jagsttalorte an der Hohen Straße zusammenstoßen, ist diese als vor der Gründungszeit dieser Orte, also vor dem 6. bis 7. Jahrhundert vorhanden, erwiesen.

Fernab von Ortschaften

Barockbildstock

Abb.12: Die Wegflur „Straßen" an der Markungsgrenze Eberstal-Diebach, mit steinernem Barockbildstock.

Derselbe zeitliche Schluß ist aus der Tatsache zu ziehen, daß die Hochstraße sich nach keiner Ortschaft auf der Höhe ausrichtet, weil solche Ortschaften eben zur Zeit der frühen Begehung dieses Naturwegs noch gar nicht da waren. Da die Hochstraße aber auch als frühkirchliche Grenze, als Gerichtsgrenze (z.B. als Grenze der Centen Forchtenberg am Kocher und Krautheim-Ballenberg an der Jagst) sowie als Gaugrenze des Kochergaus einerseits und Jagstgaus andererseits belegbar ist, muß sie älter sein als diese frühdeutschen Einrichtungen.

Vor-römische Straße

Nun heißt im Volksmund der westliche Teil des Hochweges zwischen Wimpfen und Jagsthausen die "Römerstraße" (Karte Abb. 2). Doch muß unsere Hochstraße wiederum älter sein als die Zeit der römischen Besetzung, 2. und 3. Jahrhundert, weil ja nur ihr westlicher Teil im römischen Machtbereich, also in besonderer römischer Benützung, gewesen sein kann, ihr östlicher, nichtrömischer Teil aber ebenso vorhanden ist, und weil der römische Grenzwall die gesamte Hochstraße quer durchschneidet.

Jungsteinzeitliche Besiedlung

Hain bei Eberstal

Abb.13: Der heilige Hain „Hohle Eiche" (Markung Eberstal) mit durchziehendem Fernweg, von Süden.

Endlich setzt die vielfache Grabhügel- umsäumung, die auf unserer Karte (Abb. 2) nur in beschränktem Maße angedeutet werden konnte, diesen Hochweg unbestreitbar schon in die urkeltische Zeit, auf ein Alter von mindestens 3000 Jahren. Ja, über diese Zeit noch zurück kann mit großer Wahrscheinlichkeit schon steinzeitliche Begehung dieses bedeutsamen Naturwegs auf dem Höhenkamm angenommen werden, weil sich die jungsteinzeitliche Besiedlung unserer Hochlandschaft und ihrer Ränder beweisen läßt. Unsere Karte (Abb. 2) zeigt die bis heute erkannten jungsteinzeitlichen bandkeramischen Siedlungsstellen entlang der Hohen Straße von der Höhe über Wimpfen am Neckar (Bandkeramik mit Ackerbau-Großgeräten und Siedlungen der Rössener Kultur) über die besonders siedlungsgünstige Stelle an der Einmündung von Kocher und Jagst in den Neckar mit ihrem ausgezeichneten Bauernboden hinauf bis zum Ruckardshäuser Hof und Buchhof mit ihren fruchtbaren Lehmböden und den bandkeramischen Siedlungsstellen im Höhengelände über Schöntal und westlich Schöntal und wieder vor dem Abstieg der Straße nach Heimhausen bei Büttelbronn mit einer Siedlung und Fund eines bandkeramischen Steinhammers und einiger steinzeitlicher Emmerkörner dieser frühesten Bauern unseres süddeutschen Heimatbodens. Aber auch die starken Volksbewegungen der ausgehenden Jungsteinzeit um 2000 vor Beginn unserer Zeitrechnung haben sich der Hochstraße sicherlich bedient. Ihre Spuren hat diese bewegte Zeit tatsächlich hinterlassen in Höhen- und Hügelzungenbesiedlung in Schutzlage über Wimpfen und südlich des Harthäuser Waldes über dem Kocher, und an einer wichtigen Kreuzungsstelle der Hochstraße nördlich Crispenhofen durch ein trapezförmiges Steinbeil. Bei offenerem Boden und längerdauernder fachkundiger Beobachtung des Kocher-Jagst-Höhengebietes würde sich die Zahl dieser Funde noch ganz wesentlich vermehren lassen. Westlich Ingelfingen bei Criesbach in der Au liegt ein Glockenbechermann bestattet, und zahlreiche weitere Funde in den Flußtälern zeigen auch deren stärkere spätsteinzeitliche Benützung an; ein spitznackiges Steinbeil dieser Zeit stammt von Eberstal aus der Gegend der nördlichsten Ausbiegung der Hochstraße (Karte Abb. 2), ein weiteres von der Höhe westlich Wimpfen (Bonfeld) vom Südstrang der Hohen Straße dort. Auch Schnurkeramik hat der Wimpfener Berg geliefert.

Hügelgräber am Straßenrand

Die Hohle Eiche

Abb.14: Die „Hohle Eiche" mit Muttergottesbild. Der Hochweg zieht unmittelbar an ihr vorbei.

Im 2. und 1. Jahrtausend vor Beginn unserer Zeitrechnung muß unsere Hochstraße stark begangen worden sein. Daß sie nicht nur Durchgangsstreifen, sondern daß ihre Umgebung auch Lebensraum der Urkelten gewesen ist in der Bronze- und Früheisenzeit, erweisen die vielen Hügelgräber und verschiedene Wohnstellen (Karte Abb. 2, Zeichen B). Viehzüchtendes Bauernvolk wird das wellige Höhengelände damals weitgehend für Weidebetrieb ausgenützt haben. Von der Bedeutung der Hochstraße in dieser Zeit für den Verkehr spricht die auffallende Aufreihung von Grabhügeln und ganzen Grabhügelgruppen entlang des Kammweges; nach alten Nachrichten sind sehr viel mehr solcher Hügelgräber der Straße entlang vorhanden gewesen und durch verständnislose Ausgrabung oder Überackerung erst in neuerer Zeit verschwunden. [1] So war und ist die westliche Fortsetzung der Hochstraße jenseits des Neckars im badischen Gebiet immer wieder von ähnlichen Grabhügelgruppen begleitet (für die Gegend von Sinsheim siehe Wilhelmi, Beschreibung der 14 Grabhügel bei Sinsheim, 1830, S. 13). Auch an anderen Höhenwegen wie z. B. demjenigen des Heuchelbergs westlich des Neckars etwa 20 km südwestlich unserer Kocher- und Jagstlandschaft folgen diese Totenmale dem Zug eines Hochwegs, und über den Bereich Süddeutschlands hinaus ist die Sitte der Bestattungen an Fernstraßen aus frühgeschichtlicher Zeit bekannt. So spricht die Edda im Lied von der Hunnenschlacht (Vers 10) vom "heiligen Grabmal (Grabhügel der Gotenkönige), das an der Heerstraße liegt", und noch in großgermanischer Zeit wurden, wie vordem auch in römischer (Via Appia), vornehme Tote gern an Überlandwegen bestattet, wie das Beispiel des Frankenkönigs Childerich I. zeigt. Später, in frühdeutscher Zeit, dienten umgekehrt vorzeitliche Hügelgräber als Anhaltspunkte für Grenzziehung. So berichtet die Wimpfener Immunitätsurkunde des Jahres 990 nicht nur vom Südstrang der dortigen Hochstraße, der "excelsa platea", als Grenze zwischen den Ortschaften Untereisesheim und Kirchhardt, sondern auch von zwei Grabhügeln als Malen im weiteren Grenzverlauf.

Salzhandel

südwestlich Bühlhof

Abb.15: Der Fernweg auf der Kocher-Jagsthöhe als steiniger Feldweg südwestlich Bühlhof an den Rodefluren „Meißenäcker" und „Holzäcker", gegen Westen.

Eine besondere Rolle mag die Hohe Straße zwischen Kocher und Jagst für den urkeltischen Handel gespielt haben. Nicht nur für Bronzeeinfuhr und -durchfuhr, sondern auch für die Beförderung von Salz auf Saumtieren wird der Höhenweg seine Bedeutung gehabt haben. Die Salzquellen von Offenau im Neckar-Jagst-Winkel (Karte Abb. 2) bei Wimpfen, von Niedernhall am Kocher, und weiterhin am Südausläufer der Straße bei Kirchberg an der Jagst (Karte Abb. 1) mit seinen Hunderten von urkeltischen Hügelgräbern der Umgebung sprechen dafür. Als Stützpunkte solchen Verkehrs sind auf den Uferhöhen von Wimpfen am Neckar und Rothenburg ob der Tauber wichtige urkeltische Höhenbefestigungen anzunehmen, die durch die starken mittelalterlichen Befestigungswerke heute nur nicht mehr feststellbar sind. Sicherlich ist dieser Salzhandel auch in keltischer Zeit in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts vor Beginn unserer Zeitrechnung und in der Zeit der Römer im zweiten und dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung unter Ausnützung der vorhandenen Wege fortgeführt worden, zumindest innerhalb des römischen Besetzungsgebiets. Nicht umsonst wird wohl bei Hagenbach nahe der Hochstraße (4 km nordwestlich Wimpfen) ein römischer Weihestein für den Handelsgott Merkur gestanden haben, welcher später dort durch Einmauerung in die Friedhofskapellenwand zufällig erhalten geblieben ist. Es ist wohl ebensowenig Zufall, daß auch bei Offenau mit seinen alten Salzquellen nahe der Einmündung der Jagst in den Neckar neben einem Bildwerk der Quellgöttin Herekura ein weiteres Bildwerk des Merkur gefunden worden ist. Der Salzverkehr mag von dort aus bis auf unsere Höhe und unter Umständen sogar über sie gegangen sein.

Salzquelle St. Wendel zum Stein

Einzelblick zu Abb. 15

Abb.16: Ein Einzelblick auf den in Abb. 15 dargestellten Teil der Hochstraße.

Freilich setzte wohl mit den Kelten der Talverkehr schon stärker ein; ihre teilweise bedeutenden Siedlungen bei Ingelfingen, Criesbach und Künzelsau (Abb. 3) im Kocher- und Oberregenbach im Jagsttal könnten darauf schließen lassen. Am Nordostrand der Kocher-Jagst-Hochfläche in einer Tuff-Felswand über der Jagst dicht unter der Kapelle von St. Wendel zum Stein sind vor einigen Jahren ausgezeichnete, durch eine mitgefundene Silbermünze auf das letzte Jahrhundert vor Beginn unserer Zeitrechnung datierte keltische Höhlenfunde gemacht worden. Sie lassen durch die beigefundenen zahlreichen Skelette auf eine Grablegung oder mindestens auf das Dasein der Kelten nahe einer geweihten Stätte schließen beim dortigen heiligen Salzquell. Dieser vorchristlich-altheilige Quell, an dessen Heilwirkung das Volk noch heute glaubt, wurde wohl nicht ohne Grund in deutscher Zeit dem Viehheiligen St. Wendelin geweiht. Das Weidevieh schon der Urkelten und Kelten der Kocher-Jagst-Hochfläche war salzbedürftig und findig in solchen Quellen und mag schon früh diesen Ort gewittert haben. Seine keltischen Herren werden dann den spendenden Quell verehrt haben. Später setzt in deutscher Zeit der Viehheilige Wendelin diese Beziehung auf anderer kultischer Stufe fort. Aus dem 18. Jahrhundert wird berichtet, daß noch "starke Wallfahrten" dorthin gingen von Katholiken und sogar Lutheranern: "auch die letzteren nehmen ihres Viehs halber Zuflucht zum heiligen Wendelinus, dem Patron dieser Kirche, und opfern zur Erhaltung ihres Viehes oder nach Genesung desselben Geld" (Fränkisches Archiv 1790, II, S. 209). Die Stiftung einer Kapelle in deutscher Zeit am Ort einer Einsiedlerklause an der Felswand von Wendel zum Stein ist nach dem Volksmund einem Schäfer zuzuschreiben, der dort einen Schatz (!) gefunden und damit die heutige Kapelle gestiftet habe. Dieser Schatz bestand wohl in einer vorchristlichen Weihegabe keltischer Goldmünzen, wie die in der erwähnten Höhle über der Kapelle gefundene spätkeltische Silbermünze der letzte Rest solchen Schatzes bei den Bestattungen der Höhle gewesen sein mag.

Keltische Spuren im Umkreis

nördlich Hermuthausen

Abb.17: Die Hohe Straße als heutige Landstraße auf der Wasserscheide nördlich Hermuthausen (ehemalige hohenlohesche Geleitstation), von Süden. Die Straße hebt sich mit der Baumreihe gegen den Himmel ab.

Spätkeltische Münzfunde weist auch die südöstliche Abgliederung unserer Hochstraße (auf unserer Karte Abb. 2 gestrichelt gezeichnet) bei Laßbach, Dünsbach und Brachbach, aber auch bei Sindringen im Kochertal auf. Östlich des Hochflächenfundortes Laßbach am Ostrand unserer Karte unweit des südöstlichen Straßenstrangs der Hochstraße ist auf einer Höhenzunge beim Falkenhof durch einen Abschnittswall eine vorzeitliche Befestigung geschaffen, in der neuestens Eigenschlackenfunde gemacht worden sind. Diese Höhenbefestigung liegt unmittelbar über dem Tal der Jagst mit seiner nahen Keltensiedlung von Oberregenbach und unmittelbar über dem vorzeitlich besiedelt gewesenen Unterregenbach.

Kocher und Jagst - keltische Namen

Auch der Name des Flusses Jagst wie der des Kochers darf wohl den Kelten oder schon ihren urkeltischen Vorfahren zugeschrieben werden. Sehr wahrscheinlich stammt auch das Wort Hall für Salzstätte von ihnen oder eher noch ihren Vorgängern. In der bedeutenden Keltensiedlung im heutigen Schwäbisch Hall am Kocher oberhalb des von uns betrachteten Gebietes sind auch Einbaumfunde gemacht worden, die auf Flußverkehr deuten. Im Winter mögen auch die zugefrorenen Flüsse Kocher und Jagst als Verkehrslinien benützt worden sein.

Römerzeit

Heimhausen an der Jagst

Abb.18: Der Abstieg der Hohen Straße im Geländeeinschnitt des Hintergrunds zum Dorf Heimhausen an der Jagst, mit Jagstübergang.

In römischer Zeit deckt das Kastell Jagsthausen zweifellos die Talstraße. Von dieser Zeit ab hat also die Hochstraße zum mindesten manchen Nahverkehr an die Talverbindungen abgegeben. Wieweit die rücksichtslose quere Durchschneidung der alten Höhenstraße durch den römischen Limes mit seinen 9 ihm entlang auf dem Kocher-Jagst-Rücken gesetzten Wachttürmen, worunter einer unmittelbar an der Hochstraße, auch eine Abschrankung alten Handelsverkehrs mit sich brachte, entzieht sich unserer Kenntnis. Beachtlich ist immerhin, daß vor dem Limes die Ingelfinger Spätkeltensiedlung römische Beziehungen durch eingestreute Terra-Sigillatascherben aufweist! Aber auch diese keltische Kochertalsiedlung wird vom römischen Kastell Jagsthausen her am besten über ein Teilstück unserer Hochstraße vor dem Limes erreicht; diese muß also auch in der Römerzeit nach wie vor beschritten worden sein.

Mittelalter

Vereinzelte frühe Germanenfunde des 3. Jahrhunderts bei Niedernhall, 4 km westlich Ingelfingen, sind dann die Vorboten des Alamannensturms vom Jahre 260, der aus der Gegend von Aub und Rothenburg, zum Teil auch auf unserer Hochstraße, gegen den römischen Limes geführt worden sein kann. Nach der Römerzeit ist dann eine Verwaldung und Verödung des Höhengebiets auch im bisher besiedelt gewesenen Westteil des Höhenzuges zu erschließen und eine stärkere Begehung des großen Rhein-Donau-Überlandweges südlich des Kochers über Öhringen (Karte Abb. 1, punktierte Linie). Dieser Fernweg ist auch aus dem Nibelungenlied festzustellen, wie durch die Forschungen des württembergischen Historikers Karl Weller überzeugend dargelegt worden ist. Auch als dann der mittelalterliche Verkehr auf letzterem West-Ost-Fernweg mit dem Bau der Regensburger Brücke (1135-1146) an Bedeutung zurückging, ist bei unserer Hochstraße mit ihrer östlichen Hauptrichtung Nürnberg noch eine Fortsetzung des Überlandverkehrs anzunehmen. Noch 1235 zog Kaiser Friedrich II. von Nürnberg nach der Kaiserpfalz von Wimpfen auf dieser unserer Kaiserstraße, und erst um 1300 wurde dieser Fernweg beeinträchtigt durch die Zerstörung der Wimpfener Brücke durch Eisgang. Aber noch 1485 ist von einem hohenloheschen Geleit auf unserer Kaiserstraße als Reichslehen urkundlich die Rede, und selbst bis in das 18. Jahrhundert ging der Verkehr zu der in der Nähe der Hochstraße gelegenen Wallfahrtskapelle von Neusaß, dem Urort des Cisterzienserklosters Schöntal. Diese Wallfahrt ist schon für das Jahr 1397 schriftlich bezeugt.

Heute: vom Verkehr verlassen

Heute liegen weite Strecken dieses altehrwürdigen Hochwegs vom Verkehr verlassen, vergrast und manchmal überwachsen und gar überwaldet in weltverlorener feierlicher Einsamkeit und Stille da. Auf weite Strecken ist die einstige Kaiserstraße zum bloßen Feld- oder Waldweg geworden. Dieser alte Hochweg ist nach Jahrtausenden der Begehung wieder stärker in die Natur einbezogen, von der er sich nie ganz gelöst hatte; ein Stück Natur ist trotz aller Begehung von einst der Höhenweg doch zu allen Zeiten gewesen. Eine lange Strecke des Ostteils der Straße zieht auf steinigem Boden dahin in einer Muschelkalkhochlandschaft mit ihren herben Wesenszügen (Abb. 11, 15 und l 6). An Stelle der weiten Fruchtebenen treten unregelmäßige Kuppen und Höhenzüge; die dünne, oft mit Gesteinstrümmern übersäte Erdkrume trägt, soweit nicht neuerdings überackert, zum Teil noch magere Schafweide, welche die Beziehung des nahen Schäferheiligen Wendelin besonders begreiflich macht. Der dort öfter vorzufindende Flurname "Heide" kündet von dieser Landschaft. Fluren wie "Steinbusch" neben "Birken" oder "Dörnich" rufen auch demjenigen, dem eine Beschreitung des Hochweges nur im Geiste vergönnt ist, ein Bild von charaktervollem Schlehengedörn oder Wildrosengebüsch hervor; eine Flur "Könlein" ruft ein Bild sonniger Steppenheide wach mit ihren würzig duftenden Kräutern; das alte Wort "Könlein" kommt sprachlich vom "kenle", mittelhochdeutsch quenel, althochdeutsch chonele, unserem Wort Quendel, wie der wilde Thymian volkstümlich genannt wird. Weites, freies Gefilde mit hellem Lerchenlied eröffnet der Flurname "Lerchenbühl" und "Lerchenfeld". Wo die karge, stimmungsvolle Muschelkalklandschaft wieder in die sonst auf dem Hochrücken herrschende leichtbewegte Lettenkohlehochebene übergeht mit ihrem ergiebigeren Boden, liegt die Flur "Drossel", der "Vogelbusch" und das Waldstück mit dem schönen Namen "Vogelsang". Diese klingende Volksbenennung bezeugt aber in Wirklichkeit nur die Wiederverwaldung einer mittelalterlichen Rodungssiedlung; sie entstand einst durch den "Sang", das Absengen ursprünglichen Wildwuchses mit Hilfe von Feuer, durch einen altdeutschen Grundherrn oder Bauern namens Vogo oder Vocko, wie dem nüchternen Forscher die ältere Namensform "Vogesang" (so 1266) erzählen kann.

Überschreitung der Jagst bei Heimhausen

Abb.19: Die Überschreitung des Jagsttals in Heimhausen. Quer zieht sich das Dorf mit seiner Steinbrücke über Fluß und Talaue hinweg. Links ersteigt die Hochstraße das Höhengebiet zwischen Kocher und Jagst gegen Westen in Richtung Wimpfen, rechts ihr Aufstieg über kennzeichnend benannte Fluren ostwärts gegen Rothenburg ob der Tauber.

Harthäuser Wald

Der Vogelsang verstummt vor dem wilden Schrei des Habichts am großen Harthäuser Wald; dort liegen die Fluren "Habichtsbrunnen" und "Habichtsflur". Dieser pfeilschnelle Raubvogel gehört so gut zum Charakterbild unserer Höhenlandschaft wie der königlich über Höhen und Tälern, über Hängen und Steinriegeln seine Kreise ziehende Weih, von dem ein Quelltopf "Weihenbrunnen" beim Neuhof berichten kann, oder der schwerfällig über den fischreichen Flußtälern mit großen Flügelschlägen dahinrudernde Fischreiher. Er mag schon über dem alten Fernweg geschwebt haben, als hier Höhen und Täler um Kocher und Jagst noch die Heimat des Auerochsen waren wie des Wildschweins, des Hirsches und des Wolfs; aus den Fundschichten eines römischen Gutshofes am Ruckhardshäuser Hof kamen als Zeugen dafür Reste dieser Wald- und Wildtiere aus dem Boden zusammen mit einer zeitgebenden Münze des römischen Kaiser Antoninus Pius, um 160 n. Chr. Noch im Mittelalter heulten droben in diesen Wäldern die Wölfe, deren Dasein noch in dem Flurnamen "Wolf" bei Crispenhofen, auch in "Wolfskehle" und "Wolfsgrube" nachklingt. Besonders den großen Harthäuser Wald, in dem auch allerhand Spuk, der Grünmantel und das Wilde Heer umgeht, mag mancher Landfahrer von einst gern hinter sich gebracht haben. Dem Namen nach ist das ausgedehnte Gebiet des Harthäuser Waldes ja ein mittelalterlicher Weidewald gewesen, in der frühen fränkischen Zeit noch Königsbesitz, später Reichswald und dann herrschaftlicher Weidewald. Es ist ein alter Laubwald aus nachrömischer Zeit, und in ihm muß Buche (Hagenbuch) und Eiche ( "Lichteneich", "Eichenbuckel" als heutige Flurnamen) vorherrschend gewesen sein. Vordem, in der Vorzeit, war auch dieses Höhengebiet freier, mit weitem Blick über die beiden Talgewinde von Kocher und Jagst auf die hügeligen Fernen der Landschaften jenseits dieser Flußläufe.

Auf Wimpfen zu

Wimpfen

Abb. 20. Blick auf Wimpfen über dem Neckar, den westlichen Durchgangspunkt der über den Kocher-Jagstrücken herkommenden Fernstraße. Links die Reste der hohenstaufischen Kaiserpfalz.

Vom heutigen Harthäuser Wald abwärts gegen das Mündungsgebiet der genannten Flüsse ist besonders alter Kulturboden, und den einsamen Wanderer, der heute von Ost nach West die Höhenstraße entlangschreitet, grüßt unten am Neckar schon von weither das vielgetürmte, hoch auf den Bergrand gestellte Wimpfen mit seinen gegen den Himmel scharf umrissenen Dächern, Giebeln, Kirchen und mächtigen Bergfrieden mit seiner alten, noch in ihren Resten herrlichen Hohenstaufenpfalz (Abb. 20). Sie künden von einem wichtigen Übergangspunkt unserer Hochstraße noch in deutscher Zeit. Droben aber, auf dem Rücken zwischen Kocher und Jagst, liegt, vom Atem der Jahrtausende überweht, geheimnisvoll die alte Hochstraße. Viele Fragen stellt sie in der Stille der Einsamkeit und Besinnlichkeit dem heutigen Wanderer, aber wer sich ganz in ihre Geheimnisse versenkt, dem raunt sie auch Antwort und Kunde aus grauer Vorzeit.