Über die Ebene zwischen
Mulfingen und Künzelsau

Karte 7 und Karte 8

An der Hohen Straße beim Kirchberger Wald.
Kreuzung mit der Bundesstraße 19.

Sommertag auf der Kocher-Jagst-Ebene

Ein wunderschöner, heißer Hochsommertag Anfang August. Ich parke an einem Waldweg an der K2316 beim Kirchberger Wald. "Hohstraße" steht als leichte Abwandlung hier in der Karte. Ein paar hundert Meter weiter sehe ich dann, dass es direkt an der Kreuzung mit der B19 einen schönen befestigten Parkplatz gibt.

Auf der B19 gibt es einigen Verkehr. Die sie querende Trasse der ehemaligen Hohen Straße ist aber sehr ruhig. Ich kann völlig ungestört meiner Wege ziehen. Nebendran zieht ein alter Mähdrescher stoisch seine Runden auf dem Acker. Einmal fährt ein Traktorgespann mit Getreide an mir vorbei.

Hohe Straße beim Eschenhof

Das Straßenstück vom Kirchberger Wald bis Hermuthausen hat mir von allen Etappen am besten gefallen. Das ist natürlich Geschmackssache. Andere werden den völlig unspektakulären Weg vielleicht langweilig finden. Obwohl es sich um ein asphaltiertes Landsträßchen handelt, ist der Charakter einer alten Straße doch erhalten geblieben. Die Strecke ist nicht mit dem Lineal am Planungstisch begradigt, sondern windet sich in leichten Kurven durch Feld und Wald. Planierraupen haben nicht alles glattgebügelt, sondern es geht auch einmal leicht abwärts und aufwärts, wie das Gelände es vorgibt. Linkerhand liegen irgendwo die flachen Anfänge des Sindelbachtals, rechts hinterm Wald wohl das Österbachtal, aber man bemerkt nichts davon. Ich kann mir gut vorstellen, wie früher Fuhrwerke und Reiter diesen Weg über die Hohenloher Ebene gezogen sind.

Kirchturmspitze von Hermuthausen

Hermuthausen kommt in Sicht

Die Wanderung über die Höhe entlang der Wasserscheide hat eines klar vor Augen geführt: Siedlungen konnten früher nur dort existieren, wo ausreichend Wasser vorhanden war. Heute ist das kein Problem mehr. Man baut einen turmartigen Hochbehälter, wie z.B. beim Edelmannshof, füllt ihn mit Pumpen von tierliegenden Quelle aus, und schon steht Leitungswasser mit ausreichendem Druck zur Verfügung. Früher brauchten Mensch und Vieh frei fließendes Quellwasser. Hier in dieser Gegend sieht man es überdeutlich: Auch kleinere Gehöfte liegen in den Senken, größere in den Bachtälern, noch größere unten an Kocher und Jagst, wo an den Hängen Quellen in ausreichender Zahl vorhanden waren. Fachleute werden das für eine Trivialität halten, aber als Laie denkt man normalerweise nicht groß darüber nach, warum die Siedlungsstruktur so geworden ist, wie wir sie heute vorfinden.

Oberhalb Hermuthausen, das rechts der alten Fernstraße im flachen Beginn des Österbachtals liegt, hat man den Wasserbehälter nicht als demonstrativen Turm ausgeführt, sondern als Erdhügel getarnt. Hier endet auch das ruhige Straßenstück. Ab hier folgt für zweieinhalb Kilometer die L1022 der Trasse der alten Fernstraße. Diese Landstraße verbindet den Raum Ingelfingen am Kocher mit Mulfingen an der Jagst. Man kann jetzt nicht sagen, dass hier ein Verkehr wie in Ballungsgebieten herrscht, aber es fahren doch in regelmäßigen Abständen Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit vorbei, so dass ich nicht auf der Fahrbahn gehen kann, sondern durch den grasigen Seitenstreifen steigen muss. Etwas langsamer fährt ein Motorroller mit einem jungen Pärchen vorbei. Ich staune nicht schlecht, als das Mädel auf dem Rücksitz mir klar dun deutlich die "Pommesgabel" zeigt. Ob sie wohl Angst vor meinem Bösen Blick hat?

bei Hermuthausen

Hohe Straße als L1022 bei Hermuthausen.
Die Straße führt in der Bildmitte nach links in den Wald hinein. Rechts am Waldrand entlang verlief die Abzweigung in Richtung Kirchberg.

Rechts unten in der flachen Mulde, die vom Beginn des Österbachtals gebildet wird, liegt ein Segelflugplatz. Die Segler nutzen natürlich auch das wunderbare Wetter für ihr stilles Hobby. Nachem die Hohe Straße so das Bachtal vermieden hat, führt sie wieder (noch als L1022) für ein kürzeres Stück durch den Wald.

Jetzt ist es bis zu meinem Ziel Heimhausen eigentlich nicht mehr weit. Ich werfe einen Blick zu den Railhöfen hinüber, dann auf meine Uhr, dann gehe ich in mich und stelle mir vor, wie steil der Aufstieg zurück aus dem Jagsttal sein wird. Also kehre ich für heute doch lieber um.

Die unangenehme Landesstraße möchte ich nicht nochmal gehen. Deshalb nehme ich an der Abzweigung zum Railhof eine Waldweg, der parallel zur Straße zurück führt. Wo es wieder ins Freie hinaus geht, betrete ich eine andere alte Trasse. Hier zweigte eine Seitenstrecke der Hohen Straße ab, die in Richtung Kirchberg an der Jagst führte. Den von mir vermuteten Verlauf habe ich in Karte 8 eingezeichnet. Die Straße nutzte hier den flachen Rücken zwischen dem Österbachtal und dem beim Unteren Railhof beginnenden Tal des Speltbachs.

Aber diese Trasse werde ich nicht auch noch abwandern. Ich wandere am Segelflugplatz und den Hermuthausener Weihern vorbei, dann bergauf durch das Dorf, und erreiche so für den weiteren Rückweg wieder die ruhige und schöne K2316.

Hohe Straße am Unteren Railhof

Hohe Straße am Unteren Railhof

Hinab zur Jagst

Es bleibt also noch das letzte Stück von knapp vier Kilometern. Diesmal ist Urlaubszeit und meine Frau ist zum Finale mitgekommen. Eine Stelle zum Parken finden wir an der L1022. Zunächst geht es noch flach hinüber zum Unteren Railhof. Dann führt der Weg in einem großen Bogen nach links, leicht abwärts in das kurze Tal des Hetzlesbachs hinein. Bald geht es steil bergab, immer am Hang eines schmalen, zwischen Wald eingebetteten Wiesentälchens hinunter.

Solche Steigungen sind heute kein nennenswertes Problem mehr für den Verkehr. Mehrfach müssen wir leistungsstarken Traktoren ausweichen, die mit rätselhaftem landwirtschaftlichem Gerät in ordentlichem Tempo zwischen Tal und Höhe unterwegs sind. In alter Zeit allerdings waren solche Wegstücke für die Gespanne eine echte Herausforderung. Ich weiß das noch aus eigener Erfahrung von meiner Kindheit auf einem Bauernhof, der mit Kühen als Zugtieren bewirtschaftet wurde. Die Fuhrleute standen vor der Alternative, nur so wenig zu laden, dass die Zugtiere auch die steilen Stellen bewältigen konnten, was recht unwirtschaftlich war. Oder aber man spannte an den Steigungen weitere Zugtiere vor. Diese Vorspannrecht gehörte dem jeweiligen Landesherrn, der daraus natürlich eine Geldquelle machte. Am anderen Ende der Hohen Straße, wo sie jenseits des Neckars wieder hinauf auf die Kraichgau-Ebene führte, galt es in Wimpfen eine ähnliche Steigung zu überwinden. Dort gab es einen eigenen Berufsstand der Fuhrleute, die wohl ihren Lebensunterhalt größtenteils mit der Unterstützung von Transporten verdienten. Die Stadt kassierte mit. Hier werden es die Herren von Hohenlohe genauso gehalten haben.

Jagstbrücke und altes Gasthaus in Heimhausen

Jagstbrücke und altes Gasthaus in Heimhausen

Bald erreichen wir Heimhausen, heute ein Ortsteil von Mulfingen, der noch ganz ländlich geprägt im Tal der Jagst liegt. Das Jagsttal hat sich in den letzten Jahren zu einem Mekka der Fahrradtouristen entwickelt. Der ganze Lauf des kleinen Flusses ist mit Radwegen vorbildlich erschlossen und touristisch gut aufgestellt. Für Fußwanderer wie uns ist auf solchen Wegen aber kein Platz, da man nur ein Hindernis für den Radverkehr darstellt.

Aber wir wollen ja nicht im Jagsttal wandern. An der Brücke über die Jagst ist das Ziel des langen Weges von Jagstfeld am Neckar bis hierher erreicht. Diese Brücke wurde laut einer nur noch schwer zu entziffernden Inschrift 1745 von dem Maurer G.H. Bechmann aus Widdern erbaut. Zu dieser Zeit hatte die Hohe Straße sicher schon keine größere Bedeutung mehr. Die Brücke wird von Anfang an dem Verkehr im Jagsttal gedient haben.

Wir werfen noch einen Blick auf den weiteren Verlauf der alten Fernstraße, die am östlichen Jagsttalhang zunächst nach rechts hinaufsteigt, dann nach einer scharfen Kehre nach links, um oben auf der Ebene über Schrozberg nach Rothenburg ob der Tauber weiterzuführen.