Durch den Harthäuser Wald Teil 1

Karte 3

L1095, früher Hohe Straße

An der L1095, früher Hohe Straße

Vorüberlegungen und Vermutungen

Der erste Abschnitt der Hohen Straße zwischen Jagstfeld und Kreßbach ist völlig von der Landwirtschaft geprägt. In der offenen Landschaft ist es heutzutage noch leicht, dem geradlinigen Verlauf des historischen Wegs zu folgen. Nun folgt ein ganz anderer Abschnitt: Hier beginnen die Ausläufer der Harthäuser Waldes, dessen Name von der längst abgegangenen Siedlung Harthausen stammt. (Hardthausen mit d ist jüngeren Datums.) Dieses große, nahezu geschlossene Waldgebiet hat eine Ausdehnung von etwa 9 km in West-Ost-Richtung und bedeckt eine Fläche von zirka 20 Quadratkilometern. Ein kleinerer Teil des Waldes im Westen ist heute durch die hier von Südwesten nach Nordosten verlaufende Autobahn A81 vom Rest abgeschnitten.

In diesem Bereich wird es interessant und schwierig. Wo es letzten Endes weitergeht, sagt die Landkarte: Nördlich des noch ziemlich neuen Industriegebiets "Habichtshöfe" (Kaufland-Lager) überquert die Landstraße die Autobahn, und gleich östlich der Autobahn ist "Hochstraße" an der L1047 zu lesen. Das ist aber 2½ km nördlicher als Kreßbach. Wie Emil Kost schon schrieb, verlief die Hohe Straße immer in der Nähe der Wasserscheide zwischen Kocher und Jagst, also immer ihrem Namen entsprechend in der Nähe der höchsten Punkte. Nun ist es auf einer Karte mit Höhenlinien recht kompliziert, den Verlauf einer solchen Wasserscheide festzustellen. Zum Glück hilft da die moderne Informationstechnologie. Als leidenschaftlicher Zu-Fuß-Geher habe ich mir die Topographische Karte von Baden-Württemberg im Maßstab 1:25000 (TOP25) auf CD geleistet. Sie bietet neben der reinen Kartendarstellung eine ganze Reihe von Auswertemöglichkeiten. Ein Beispiel ist die perspektivische Ansicht des zweitletzten Bildes im ersten Teil der Wegbeschreibung. Um den wahrscheinlichsten Verlauf des Weges im westlichen Teil des Harthäuser Waldes abzuschätzen, wird hier jetzt die Möglichkeit genutzt, unterschiedliche Höhen in verschiedenen Farben darzustellen.

Höhenschichten Umgebung Autobahn A81 AS Möckmühl

Das Bild hier zeigt die Umgebung der Anschlussstelle Mückmühl der Autobahn A81. Dunkle Farben sind tieferes, helle höheres Gelände. Der rote Strich links unten stellt das Ende des im ersten Teil beschriebenen Wegteils dar, den Verlauf der Hohen Straße südlich der Ausläufer des Kreßbachtals. Kreßbach liegt am linken Bildrand gerade über dem roten Strich. Rechts oben liegt östlich der Autobahn der als "Hochstraße" bezeichnete Abschnitt. Zwischen beiden Punkten sind 60m Höhenunterschied zu überwinden. Man sieht schön, dass den alten Fuhrleuten nicht viele Möglichkeiten blieben, wenn sie ihre Gespanne nicht durch steile Täler quälen wollten. Links oben liegen die Ausläufer des Jagsttals, rechts unten das nicht minder schwierige, zum Kocher entwässernde Buchsbachtal. Die Hohe Straße muss zunächst recht geradeaus nach Osten geführt und dann etwa den Verlauf der heutigen Autobahn genommen haben. Oder den der hier im Abstand von 150 bis 400m parallel zur A81 verlaufenden Landstraße L1095/L1047 (hier nicht dargestellt). Oder etwas dazwischen oder drumherum. Da hilft die Karte und die Theorie nicht mehr weiter. Mal sehen, ob die Praxis weiter kommt.

Vogel-Nestwurz Neottia nidus-avis

Vogel-Nestwurz

Erste Waldetappe:
Von Kreßbach bis zur Autobahnauffahrt

Meine Bekanntschaft mit dem Harthäuser Wald beginnt am verregneten Himmelfahrtstag 2007 mit einem missglückten Versuch, der damit endet, dass ich mich total verlaufe und die Orientierung verliere. Einziger Lichtblick dieses nassen Morgens ist eine Entdeckung: Überdeutlich zeichnet sich direkt westlich neben der L1095 eine alte Wegtrasse ab, die hier über 200m fast hohlwegartig parallel zur Landstraße verläuft, allerdings von dieser aus nicht zu sehen ist (siehe Foto auf der Startseite).

Drei Tage später sieht die Welt ganz anders aus. Am Sonntag Morgen ist das Wetter sonnig und mild. Um ½8 schon parke ich bei Kreßbach. Der sprichwörtliche Frühtau liegt noch auf der Welt. Ich nehme die Hohe Straße wieder auf, wo ich im Mai umgekehrt bin: am Waldrand entlang nach Osten. Doch nach 300m geht es nicht weiter. Quer vor mir ein Weidezaun und dahinter eine Wiese mit brusthohen Grashalmen. Der Frühtau wird zum Problem. Ich habe auch keine Lust, den links abknickenden Feldweg nach Kreßbach als Umweg zu nehmen. Sicher ginge dort das übliche Hundegebell los, und die aus dem Sonntag-Morgen-Schlaf gerissenen Bürger würden mich verfluchen.

Also hinein in den Wald! Und siehe da, das Glück ist mir hold: Hier im Gewann Aspen "An der hohen Straße" zeichet sich unübersehbar im Wald die alte Straßentrasse ab. Nun kann ich nicht jedem empfehlen, die 600m durch den Wald zu nehmen. Die letzten hundert Meter gestalten sich derzeit sehr schwierig. Hier hat wohl vor ein paar Jahren ein Sturm die Bäume umgeworfen. Der Nachwuchs ist über mannshoch, und überall liegt kreuz und quer noch altes Holz. Ich schlage mich durch zum nächstgelegenen Waldweg und dann zurück zur Hohen Straße, die wieder ein Stück am Waldrand entlang führt.

Blick über das Kochertal nach Heilbronn

Blick die Hellenklinge hinab über das Kochertal. Hinten rechts in der Ferne das Heilbronner Kraftwerk, links des Masts im Hintergrund der Höhenzug zwischen Dahenfeld und Gellmersbach.

Nach einem freien Stück mit weitem Blick nach beiden Seiten taucht der Weg endgültig in den Harthäuser Wald ein. Was für ein Gegensatz zum im ersten Teil beschriebenen Abschnitt über die Ackerland-Höhen! Der prinzipielle Charakter der Straße bleibt erhalten. Auch hier gibt es kaum einmal eine leichte Steigung oder einen Hauch von Gefälle. Aber der Blick im Wald wird von Naheliegendem gefangen. Das immer gleiche und doch tausendfach variierte Bild des Baumstamms führt bei mir unweigerlich zu Ruhe und Entspannung. Sonst bin ich schon kein hastiger Wanderer, doch jetzt werden die Schritte eher noch langsamer.

Und das Auge hat Zeit, Einzelheiten aufzunehmen. Da fallen dann kleine Erdwälle neben dem Weg auf, die auf eine lange Nutzung hinweisen. An Stellen, an denen die Straße eine Grenze bildete, mögen es auch auf landesherrliche Anweisung aufgeworfene Grenzmarkierungen gewesen sein. Und was noch auffällt sind Wege, Wege, Wege. Häufig zweigen seitwärts deutlich eingetiefte alte Fahrbahnen in den Wald hinein ab. Fragen kommen auf: Sollte die Hohe Straße hier einen anderen Verlauf genommen haben? Ich folge der einen oder anderen Bahn durch die Bäume. Aber es stellt sich heraus, dass diese aufgelassenen Wege nur Zubringer waren, die bald ein deutliches Gefälle talwärts entwickeln. Die Hohe Straße selbst aber bleibt immer oben, dort wo es flach ist.

Einen Kilometer nach der Hochspannungsleitung erreiche ich im Wald einen Wegestern, an dem sechs Wege aufeinandertreffen. Waldwege auf Karten sind ein chronisches Problem und oft wenig aktuell. Was die Karte als befestigten Weg ausweist, ist oft fast völlig zugewachsen, was auf der Karte wie ein Fußpfad aussieht ist manchmal frisch planiert und gesplittet. An diesem Wegestern darf man sich daher nicht verwirren lassen, der richtige Weg führt praktisch geradeaus (ganz leicht rechts). Nach 200m geht es an einer Weggabelung leicht links. Der Weg wird immer schlechter, ist unbefestigt, mit matschigen Taktorenspuren und viel herabgefallenem Totholz.

Aber eindeutige Indizien sprechen dafür, dass ich noch auf der richtigen Spur bin. Zum Beispiel die schon von Emil Kost erwähnten Grenzsteine zwischen Würtemberg und Baden. Endlich stoße ich wieder auf einen gut befestigten Weg, nur 150m vor der Landstraße. Kommt man aus der Gegenrichtung, dann kann man den verwilderten Pfad, auf dem ich gekommen bin, sehr leicht übersehen. Das war auch der Grund, warum ich beim ersten Versuch in die Irre gelaufen bin. Es geht jetzt deutlich bergauf; ein Drittel des Höhenunterschieds von 60m zwischen Kreßbach und der Autobahnüberquerung wird hier überwunden. Bald stehe ich an der L1095 und begutacht noch einmal den dort so gut zu sehenden alten Wegverlauf, den ich schon beim letzten Mal entdeckt hatte.

Grenzstein Württemberg-Baden

Dann geht es am Straßenrand entlang in nördliche Richtung. Der Verkehr am Sonntag Vormittag ist hier gering. Deutlich hört man aber das Brausen der nahen Autobahn, und bald tritt die Straße aus dem Wald heraus. Vor mir liegt ein Kreisverkehr. Hier biegt die L1095 nach links Richtung Ernstein ab, rechts liegt unmittelbar anschließend an der L1047 die Autobahnauffahrt Möckmühl.

Der Kreisel liegt in einer leichten Mulde. Die grüne Höhenkarte oben hatte bei mir die Vermutung aufkommen lassen, dass hier (beim "n" von Autobahn auf der Höhenkarte) die Hohe Straße womöglich östlich der heutigen Autobahn verlaufen sein könnte. Ich überquere also die Autobahn auf dem schmalen, sichtlich für bequemen Fußgängerverkehr nicht vorgesehenen Seitenstreifen der Brücke und quetsche mich bei doch beachtlichem Verkehr auf dem Zubringer ein Stück weit an der Leitplanke entlang bis zu einem Waldparkplatz. Dort suche ich noch eine Weile in der Umgebung des Parkplatzes und der Autobahnauffahrt im Wald nach alten Trassenspuren, finde aber leider nichts.

Vielleicht nahm ja doch die Hohe Straße schon in alter Zeit den Verlauf, der heute als Landstraße L1047 vom Kreisel aus nach Nordosten weiterführt? Dagegen spricht, dass das Waldgewann "Roter See" zwischen Autobahn und Landstraße offensichtlich früher zur Heckklinge hin vom Büttenbach zur Jagst entwässert wurde. Die L1047 verläuft dort jetzt auf einem Damm, unter dem ein Kanalisationsrohr hindurchführt. Die Hohe Straße hätte hier durch ein sumpfiges Tälchen geführt werden müssen. Schaut man sich ihren allgemeinen Verlauf an, dann ist das sehr unwahrscheinlich, zumal ein paar hundert Meter weiter östlich, da wo jetzt die Autobahn verläuft, eine trockene Trasse möglich war.

Für heute ist mein Zeitkonto verbraucht. Als Rückweg nehme ich die Strecke über offenes Land, durch das Dorf Ernstein und am Fichtenhof vorbei nach Kressbach, zurück zu meinem Auto.